Archiv | Juni, 2012

Studentische Schreibberatung am Schreibzentrum

22 Jun

von Stephanie Dreyfürst

Seit 2009 ist das Schreibzentrum die Anlaufstelle für ca. 10.000 Studierende der Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität, wenn es um das wissenschaftliche (aber auch journalistische und kreative) Schreiben geht oder darum, in einer individuellen Schreibberatung ein Feedback auf das eigene Schreibprojekt zu bekommen.

Während in fachthematischen Seminaren, Vorlesungen und Einzelsprechstunden kaum oder zu wenig Zeit bleibt, wissenschaftliche Arbeits- und Schreibtechniken grundlegend zu erörtern bzw. einzuüben, bieten die Kurse des Schreibzentrums unseren Studierenden die Möglichkeit, das Handwerk des Schreibens zu erlernen bzw. ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen.

Ab Juli dieses Jahres werden zusätzlich unsere speziell ausgebildeten Peer TutorInnen für die individuelle Schreibberatung eingesetzt werden: Beginnend mit dem 2. Juli nehmen unsere 14 neuen TutorInnen ihre Arbeit als studentische SchreibberaterInnen auf. Die Gruppe, die sich aus Studierenden verschiedener geisteswissenschaftlicher Fächer zusammensetzt, wurde in den letzten Wochen intensiv geschult, v.a. von meiner Kollegin Nadja Sennewald, die für diesen Teil der Schreibzentrumsarbeit verantwortlich zeichnet. Teil der Schulung waren u.a. nicht-direktive Gesprächstechniken, verschiedene Schreibstrategien und der Umgang mit Schreibblockaden.

Unsere Peer TutorInnen

Damit unser Modell für die studentische Schreibberatung erfolgreich anlaufen konnte, haben wir von der Erfahrung und dem Wissen anderer Schreibzentren profitiert. Großzügig haben unsere KollegInnen ihr Know-How mit uns geteilt und uns Fragen zur Ausbildung und Beratungspraxis beantwortet. Besonderer Dank gebührt deswegen folgenden Institutionen und Kolleginnen: Katrin Girgensohn und Franziska Liebetanz von der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder), Christiane Henkel und Swantje Lahm von der Uni Bielefeld, Nora Peters an der Universität Hannover, Maike Wiethoff und Ulrike Lange von der Ruhr-Universität Bochum sowie Jana Zegenhagen an der Universität Hildesheim.

Peer Tutoring und Wissen über das akademische Schreiben

Hintergrund für unsere Entscheidung, eine studentische Peer-Schreibberatung auch am Schreibzentrum in Frankfurt am Main einzurichten, waren die Erkenntnisse, die wir sowohl aus den Erfahrungen unserer deutschen und amerikanischen KollegInnen ziehen konnten als auch aus den mittlerweile zahlreich durchgeführten Studien, welche die Wirksamkeit studentischer Schreibberatung nachgewiesen haben (z.B. Bruffee 1978 ff.).

Studierende erhalten Informationen zum akademischen Schreiben häufig nur durch komprimierte und sporadische Auskünfte in Seminaren, in Sprechstunden von Fachlehrenden oder durch stellenweise wenig fundierte Kommentare von StudienkollegInnen. Was hierbei oft zu kurz kommt, ist die Möglichkeit, ausführlich, niedrigschwellig und un-hierarchisch über die eigenen Schreibprojekte zu sprechen.

Hilfreich für das erfolgreiche Verfassen akademischer Arbeiten ist jedoch die Möglichkeit, prozessbegleitend eine Rückmeldung auf die eigene Gliederung, die Argumentation oder auch den sprachlichen Ausdruck zu bekommen. Studentische Schreibberater können an diesem Punkt ansetzen und Fragen nach dem ‚richtigen‘ Zitieren, nach möglichen Argumentationswegen, nach verschiedenen Schreibstrategien oder auch nach einer geeigneten Zeitplanung beantworten.

Was machen Peer Tutoren in der Schreibberatung?

Die Einzelgespräche zwischen TutorIn und Ratsuchendem dauern ca. 30-60 Minuten, so dass alle Fragen individuell beantwortet werden können. Die Gespräche finden nicht in einer eher hierarchischen Situation statt, wie sie z.B. in einer Sprechstunde mit Lehrenden gegeben ist, sondern „auf Augenhöhe“.

Die/der Student/in steht mit seinem/ihrem jeweiligen Anliegen und Wünschen im Zentrum der Beratung. Beim Peer Tutoring klären Tutor/in und Student/in zunächst gemeinsam das Anliegen und legen dann ein Ziel für das Gespräch fest. Wichtig ist, dass Peer Tutor/innen weder selbst Texte bewerten noch Textbewertungen von Lehrenden in Frage stellen. Stattdessen geben sie ein begründetes Feedback aus ihrer Perspektive als interessierte Leser. Dabei halten sie sich an die Feedbackregeln, die sie in ihrer Ausbildung gelernt haben. Auch bei Schwierigkeiten im Schreibprozess können sie helfen und hilfreiche Übungen und Methoden zeigen, mit denen man leichter ins Schreiben findet.

Aufgaben der studentischen Peer Tutor/innen sind zum Beispiel:

–          Den Schreibprozess erklären und die Schreibphasen ermitteln

–          Die Stärken des/der Schreibenden fördern

–          Den Schreibtyp ermitteln und geeignete Schreibmethoden anbieten

–          Schreibstrategien und Schreibtechniken vermitteln

–          Gründe für Schreibprobleme erkennen

–          Feedback auf Texte geben

Studierende fragen am Liebsten andere Studierende um Rat, um sich über das akademische Schreiben zu informieren – so die Ergebnisse einer Bielefelder Studie (Sennewald/Mandalka 2012). Das Lernen auf Augenhöhe mit Kommilitonen fällt vielen Studierenden leichter als in einem hierarchischen Gefüge. Aus diesem Grund freuen wir uns, den Studierenden an der Frankfurter Goethe-Universität nunmehr die Möglichkeit bieten zu können, ihre Textprojekte mit geschulten Peer TutorInnen weiterzuentwickeln und, so unsere Hoffnung, ihre akademischen Schreibaufgaben erfolgreich zu meistern.

Das Peer TutorInnen-Programm finanziert sich aus Mitteln des BMBF-geförderten Starken Starts ins Studium.

Literatur (Auswahl):

Bruffee, Kenneth (1978): The Brooklyn Plan. In: Liberal Education 64, S. 447-468.

Sennewald, Nadja; Mandalka, Nicole (2012): Akademisches Schreiben von Studierenden. Die Bielefelder Erhebung zur Selbsteinschätzung der Schreibkompetenzen. In: Preußer, Ulrike; Sennewald, Nadja: Literale Kompetenzentwicklung an der Hochschule. Frankfurt/M,  S. 143-166.

Sennewald, Nadja und Girgensohn, Katrin (2012): Schreiben lehren, Schreiben lernen. Eine Einführung, Darmstadt.

Wagner, Wolf (2002): Uni-Angst und Uni-Bluff. Wie studieren und sich nicht verlieren. Hamburg.

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