Das Lehrlabor

2 Mai

von Stephanie Dreyfürst

Am 25. April 2012 begann im Rahmen des Programms „Starker Start ins Studium“ an der Frankfurter Goethe-Universität  eine Workshopreihe, in der Lehrende geisteswissenschaftlicher Fächer verschiedene Methoden für schreibintensive Lehre kennenlernen können.

Das Programm des Lehrlabors, das im Sommersemester 2012 von meiner Kollegin Nadja Sennewald und mir gestaltet wird, setzt folgende Schwerpunkte:

1.) Methoden schreibintensiver Lehre

2.) Peer facilitated learning

3.) Portfolio in der Lehre

4.) Kollegiales Feedback und Erfahrungsaustausch

Aus den Rückmeldungen, die unsere Kolleginnen und Kollegen an unserem ersten Workshop Ende April gegeben haben, lassen sich einige hilfreiche Schlussfolgerungen ziehen. Viele der genannten Aspekte und Probleme der Studierenden sind aus schreibdidaktischer Sicht durchaus bekannt, dennoch ist das wiederholte Diskutieren über Schreibprobleme und -strategien sowie die damit verbundenen Konsequenzen für die eigene Lehrpraxis in den verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wichtig und hilfreich:

  • der Umstand, dass die VerfasserInnen von (akademischen) Texten unterschiedlich an eine Schreibaufgabe herangehen und diese mit Hilfe verschiedener Strategien bewältigen, ist als Erkenntnis nicht neu, aber vielleicht durchaus ungewohnt für viele Lehrende; zumindest wenn man diese unterschiedlichen Herangehensweisen als Bereicherung und Möglichkeiten begreift und nicht per se als falsch, wenn sie von der tradierten ‚Norm‘ (erst die Forschungsliteratur lesen, dann Fragestellung entwickeln, dann Gliederung erstellen, am Schluss einen eigenen Text verfassen) abweichen. So sorgt der ursprünglich vom Schreibzentrum der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) entwickelte Schreibtypentest  (aus: Ulrike Scheuermann: Die Schreibfitness-Mappe. 60 Checklisten, Beispiele und Übungen für alle, die beruflich schreiben) stellenweise für erleichtertes und begeistertes Nicken oder – im Falle einiger Gesellschaftswissenschaftler – auch für besorgtes Kopfwiegen. Dass mit der Einteilung in verschiedene Schreibtypen kein Schicksal besiegelt und kein Schreibender abgeurteilt wird, muss vielleicht noch deutlicher hervorgehoben werden.
  • die Anforderung beim akademischen Schreiben, die für Studierende oft am schwersten zu erfüllen ist – nämlich eine gute wissenschaftliche Fragestellung zu entwickeln -, bietet auch in unseren Workshops für Lehrende viel Raum für Diskussion und Nachfragen. Praktische Übungen zur Themaeingrenzung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Fragestellung helfen hier weiter; auch für die ‚Standardsituation‘ Sprechstunde können einige unserer Arbeitsblätter Hilfestellung leisten, indem sie Ratsuchende dazu animieren, ihr Erkenntnisinteresse präziser zu formulieren und sich auf eine bestimmte Fragestellung festzulegen.
  • Schreibübungen wie das Freewriting oder das Clustering, die nur wenig Seminarzeit in Anspruch nehmen und kaum Aufwand erfordern, finden nicht bei allen Lehrenden den gleichen Anklang. Auch hier scheinen das eigene, seit Jahren erprobte Vorgehen bzw. individuelle Vorlieben oder Abneigungen gegen bestimmte Schreibaktivitäten ausschlaggebend dafür zu sein, ob eine bestimmte Übung als sinnvoll für die eigene Lehre angesehen wird. Eine Konsequenz aus den Workshops, die meine Kollegin und ich bisher zusammen gehalten haben, lautet deswegen, dass wir den Aspekt der Diversität noch stärker betonen müssen. Selbst wenn mir als Lehrender/m eine bestimmte Schreibübung nicht gefällt oder nur wenig Erkenntnisgewinn zu versprechen scheint, muss das nicht bedeuten, dass dies für meine Studierenden (Stichwort unterschiedliche Schreibtypen) ebenso der Fall ist. Eine ‚ideale‘ Lehre würde die Unterschiedlichkeit der möglichen Zugänge zum Schreiben insofern berücksichtigen, als dass verschiedene Strategien und Übungen im Seminar vorgestellt und praktisch erprobt würden. Nur wer Schreibübungen wie das Freewriting kennen gelernt (und zu verchiedenen Anlässen selbst ausprobiert) hat, kann merken, ob sich diese Technik als ergiebig und ‚zielführend‘ erweist – und sie dementsprechend auch für die eigene Schreib- und Denkarbeit einsetzen.
  • auf nachhaltiges Echo stießen bei den anwesenden KollegInnen auch die Übungen zu verschiedenen akademischen Argumentationsmustern – ein Thema, bei dem die meisten Lehrenden großen Nachholbedarf auf Seiten der Studierenden sehen. Dass eine überzeugende und stichhaltige Argumentation nicht einfach zufällig ‚passiert‘, sondern vom Schreibenden in seinem/ihrem Text erst hergestellt werden muss, überrascht viele SchreibanfängerInnen, weil sie aus der Schule und anderen Lernumgebungen gewohnt sind, Texte mehr auf deren Inhalt und weniger auf deren rhetorisch-argumentative Struktur hin zu lesen – und nun an der Universität gefordert sind, überzeugende Argumentationsmuster zu imitieren und eben auch selbst zu produzieren. Wie die tradierte Dreierstruktur These – Argument – Beispiel in heutigen Seminaren und den daraus entstehenden Texten mit Leben erfüllt werden kann, welche verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten von Argumenten denkbar sind, wieso man eine Schlussfolgerung auch einmal zur These machen kann, sind für einen großen Teil der Studierenden wichtige Fragen, wenn es darum geht, den (impliziten) Anforderungen an ‚gute‘ wissenschaftliche Texte Genüge zu tun.

 

  • immer wieder verblüffend ist für viele Lehrende unsere Erfahrung, dass Studierende (AnfängerInnen wie Fortgeschrittene) bereits mit kleineren und ‚typisch universitären‘ Textsorten wie der Mitschrift oder dem Exzerpt Schwierigkeiten haben können. Wenn jedoch beim Umgang mit Gehörtem oder Gelesenem bereits Probleme auftreten, fallen auch die weiteren Schritte beim versierten Umgang mit verschiedenen Informationsquellen und letztlich auch die Produktion eigener akademischer Texte schwer. Fragen, die Studierende immer wieder in unseren Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Schreiben stellen, lauten: Wie komme ich vom gelesenen Forschungstext zur eigenen Aussage? Darf ich so etwas wie eine eigene Meinung haben? Wie kann ich mich sprachlich vom Original lösen? Wieviel Forschungsliteratur soll ich überhaupt zitieren? Wie soll ich das Wichtige mitschreiben, wenn ich nicht weiß, was wichtig ist?

Als Handreichung zum Thema Mitschrift dient hier ein Beitrag von Angelika Steets: „Die Mitschrift als universitäre Textart – schwieriger als gedacht, wichtiger als vermutet“, in: Ehlich, Konrad und Steets, Angelika (Hrsg.) (2003): Wissenschaftlich schreiben – lehren und lernen. Berlin, New York: Gruyter, S. 51-64.

Erfreulich gut funktioniert bis jetzt unser Konzept, die vorgestellten Übungen und Methoden ‚in situ‘ mit den anwesenden Kolleginnen und Kollegen auszuprobieren – auch wenn dies für einige eine arge Unterforderung darstellen muss (Stichwort Argumentationsmuster und PhilosophInnen, Eulen und Athen). Da wir jedoch die Bezeichnung Workshop ernst nehmen und davon überzeugt sind, dass man Methoden am besten kennen lernt, wenn man sie am eigenen Leib ausprobiert hat, werden wir auch in Zukunft unsere Schreibübungen praktisch vermitteln anstatt sie nur theoretisch vorzustellen. Insofern verstehen wir das Lehrlabor auch als einen Ort, an dem man gleichzeitig Lehrender und Lernender sein darf – selten genug gibt es an deutschen Universitäten Gelegenheiten, bei denen man sich fächerübergreifend über gute Lehre und verschiedene Methoden austauschen kann. Anregungen und Kritik zu unserer Workshopreihe nehmen wir jederzeit gerne auf den bekannten Kanälen entgegen.

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3 Antworten to “Das Lehrlabor”

  1. Katrin Girgensohn Mai 9, 2012 um 7:16 pm #

    Hallo Stephanie,
    danke für den interessanten Bericht. Mich würde noch interessieren, wieviele Lehrende teilgenommen haben bzw. wie der Zuspruch insgesamt war und wie ihr die Lehrenden im Vorfeld erreicht und zur Teilnahme angeregt habt.
    Katrin

    • sdreyfuerst Mai 10, 2012 um 11:11 am #

      Liebe Katrin,

      die Workshopreihe ist eine Idee, die in Kooperation mit der Koordinatorin des Fachzentrums Geisteswissenschaften, PD Dr. Barbara Wolbring, entstanden ist. Das Fachzentrum ist eine Art Dachorganisation für die MitarbeiterInnen, die im Rahmen des Bund-Länder-Programms (BLP) in den nächsten fünf Jahren vor allem Studierende in der Eingangsphase ihres Studiums unterstützen sollen (Stichwort „Exzellenzinitiative Lehre“). An den Workshops im „Lehrlabor“ können allerdings auch andere Lehrende aus den Geisteswissenschaften teilnehmen – und das tun sie tatsächlich auch zahlreich.

      Beworben wird die Reihe mittels Plakaten, e-Mail-Verteiler und v.a. auch word-of-mouth; bei den ersten beiden Veranstaltungen waren jedesmal fast 30 Lehrende anwesend. Die Fächermischung ist wirklich toll, vertreten sind die Philosophie, die Geschichte, die Romanistik, die Germanistik, die Linguistik, DAF, die Kunstgeschichte, die Theologie etc…Der Besuch unseres zweistündigen Formats ist (derzeit noch) rein ‚freiwillig‘, wird also nicht direkt als Fortbildung zertifiziert oder als reduzierend auf das Lehrdeputat angerechnet; insofern gehen wir davon aus, dass die Lehrenden offenbar den Nutzen für ihre eigenen Lehre als so hoch ansehen (und den Zeitaufwand dementsprechend als nicht unverhältnismäßig), dass sie tatsächlich aus Interesse zu uns kommen und mitmachen!

      BTW: herzliche Grüße von meienr Kollegin Nadja Sennewald!!

      • Katrin Girgensohn Mai 10, 2012 um 2:35 pm #

        Das klingt wirklich sehr ermutigend! Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg.

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