Archiv | April, 2012

Schreiben in Elfenbeintürmen

2 Apr

von Stephanie Dreyfürst

Die Berichterstattung zur dritten bundesweiten Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten war, wie viele unserer KollegInnen bereits an anderer Stelle berichtet haben, wieder sehr lebhaft. Nicht umsonst mag den mittlerweile dreizehn teilnehmenden Universitäten das Konzept der Langen Nacht auch deswegen so attraktiv erscheinen, weil wir in den jeweils ganz unterschiedlich ausgerichteten akademischen Schreibzentren (neben dem erhofften positiven Einfluss auf das erfolgreiche Abschließen studentischer Schreibprojekte) auch eine Form von Werbung in eigener Sache betreiben können. Aufmerksamkeit nicht nur auf das akademische, sondern das Schreiben ‚an sich‘ zu lenken ist ja nie verkehrt; da offenbar in weiten Teilen der Bevölkerung, mithin auch in der Presse, noch immer die Mär vom Elfenbeinturm kursiert, in dem kryptische und zweckfreie Texte produziert werden, versprechen derart positiv wahrgenommene Veranstaltungen wie die Lange Nacht eben auch einen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung des universitären Schreibens (und der Schreibdidaktik).

Dass für diesen Aspekt das vernetzte Arbeiten nicht nur von Vorteil, sondern unverzichtbar ist, zeigt sich einmal mehr, wenn es darum geht, Erfahrungen auszutauschen, Ideen zu teilen und, nicht zu vergessen, auch mit den zahlreichen Anfragen und stellenweise nicht unproblematischen Darstellungen in der deutschlandweiten Berichterstattung umzugehen. Kamerateams, die sich trotz anders lautender Absprachen in ’schreibgeschützte‘ Räume hereindrängen, oder hastig recherchierte Artikel, die im Eifer des Gefechts den Umstand unterschlagen, dass die Idee zur Langen Nacht aus dem Schreibzentrum der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) stammt, oder auch Journalisten, die einen meiner Twitter-Kommentare während der Langen Nacht als O-Ton „einer Studentin“ ausgeben, um nur drei Beispiele zu nennen.

Tatsächlich stellt sich mir beim gebetsmühlenartig in der Presse wiederholten Vorwurf, an (deutschen) Universitäten würden ständig und nahezu ausschließlich „verschwurbelte“ Texte verfasst, die Frage, wer sich tatsächlich einmal die Mühe gemacht hat, sowohl die Texte selbst als auch die Umstände der Textproduktion im akademischen Umfeld anzusehen. Dass es mittlerweile an sehr vielen deutschen Hochschulen Schreibzentren gibt, die sich explizit mit dem Schreibprozess und der Textproduktion – verschiedenster Textsorten, nicht nur akademischer, wohlgemerkt –  beschäftigen, scheint vielen Journalisten verborgen geblieben zu sein. Oder, der Verdacht liegt nahe, geht es hier eigentlich um etwas anderes? Im Fall eines besonders klischeelastigen Spiegel-Online-Artikels von Markus Reiter im vergangenen Jahr machte ich mir die Mühe und verfasste einen Leserbrief, in dem ich meinen Ärger über den stereotypen Beitrag kundtat – was jedoch, wenig überraschend, zu keiner befriedigenden Reaktion auf Seiten des Autors führte.

Als Randbemerkung: Sicherlich sind viele der in dem Artikel angesprochenen Aspekte wissenschaftlichen Schreibens diskussionswürdig und im Kern als Vorwurf durchaus richtig, dennoch muss man schon einiges an Mühe aufwenden, um in einem Artikel zu diesem Thema – gerade weil es um einen Vergleich angloamerikanischer und deutscher Traditionen geht – mit keinem einzigen Wort zu erwähnen, dass es nicht nur in den USA, in England, sondern auch mittlerweile in Deutschland (von anderen Ländern einmal ganz zu schweigen) akademische Schreibzentren gibt, die sich intensiv mit Aspekten wie der Lesbarkeit, der Transparenz, der Leser-Basiertheit, dem Stil usw. von Texten beschäftigen.

Trotz der vielfach berechtigten Kritik an wissenschaftlichen Texten kommt bei Artikeln wie dem erwähnten der Verdacht auf, dass hier im Grunde ein Urteil immer wieder kolportiert wird, um Werbung für etwas anderes zu machen. In diesem Fall für einen der so zahlreich auf den Markt geworfenen Schreibratgeber, hier ist es auch noch ‚zufällig‘ der des Autors (an dieser Stelle steht deswegen auch kein Link, wer sich für die Fibel interessiert, kann gern den Original-Artikel aufsuchen).

Eine Erkenntnis aus der Berichterstattung zum (wissenschaftlichen) Schreiben im Allgemeinen und zur Langen Nacht im Besonderen besteht für mich darin, die Wahrnehmung des Schreibens im universitären Kontext zu beeinflussen. Selbst und aktiv. Nicht auf Berichte der Presse zu warten, sondern selbst Texte zu verfassen – darum auch dieser Blog, der als kleiner Bestandteil zur Profilbildung akademischer Schreibzentren beitragen kann. Denn nicht nur die Außenwahrnehmung durch eine (wie auch immer verstandene) Öffentlichkeit, auch die Wahrnehmung studentischer Texte und schreibdidaktischer Maßnahmen innerhalb der Hochschulen sollte zum Thema gemacht und offen diskutiert werden, auch über digitale Kanäle. Wenn schon Schreiben im Elfenbeinturm, dann wenigstens in der Web 2.0-Version.

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