Schreiben in Elfenbeintürmen

2 Apr

von Stephanie Dreyfürst

Die Berichterstattung zur dritten bundesweiten Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten war, wie viele unserer KollegInnen bereits an anderer Stelle berichtet haben, wieder sehr lebhaft. Nicht umsonst mag den mittlerweile dreizehn teilnehmenden Universitäten das Konzept der Langen Nacht auch deswegen so attraktiv erscheinen, weil wir in den jeweils ganz unterschiedlich ausgerichteten akademischen Schreibzentren (neben dem erhofften positiven Einfluss auf das erfolgreiche Abschließen studentischer Schreibprojekte) auch eine Form von Werbung in eigener Sache betreiben können. Aufmerksamkeit nicht nur auf das akademische, sondern das Schreiben ‘an sich’ zu lenken ist ja nie verkehrt; da offenbar in weiten Teilen der Bevölkerung, mithin auch in der Presse, noch immer die Mär vom Elfenbeinturm kursiert, in dem kryptische und zweckfreie Texte produziert werden, versprechen derart positiv wahrgenommene Veranstaltungen wie die Lange Nacht eben auch einen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung des universitären Schreibens (und der Schreibdidaktik).

Dass für diesen Aspekt das vernetzte Arbeiten nicht nur von Vorteil, sondern unverzichtbar ist, zeigt sich einmal mehr, wenn es darum geht, Erfahrungen auszutauschen, Ideen zu teilen und, nicht zu vergessen, auch mit den zahlreichen Anfragen und stellenweise nicht unproblematischen Darstellungen in der deutschlandweiten Berichterstattung umzugehen. Kamerateams, die sich trotz anders lautender Absprachen in ‘schreibgeschützte’ Räume hereindrängen, oder hastig recherchierte Artikel, die im Eifer des Gefechts den Umstand unterschlagen, dass die Idee zur Langen Nacht aus dem Schreibzentrum der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) stammt, oder auch Journalisten, die einen meiner Twitter-Kommentare während der Langen Nacht als O-Ton “einer Studentin” ausgeben, um nur drei Beispiele zu nennen.

Tatsächlich stellt sich mir beim gebetsmühlenartig in der Presse wiederholten Vorwurf, an (deutschen) Universitäten würden ständig und nahezu ausschließlich “verschwurbelte” Texte verfasst, die Frage, wer sich tatsächlich einmal die Mühe gemacht hat, sowohl die Texte selbst als auch die Umstände der Textproduktion im akademischen Umfeld anzusehen. Dass es mittlerweile an sehr vielen deutschen Hochschulen Schreibzentren gibt, die sich explizit mit dem Schreibprozess und der Textproduktion – verschiedenster Textsorten, nicht nur akademischer, wohlgemerkt –  beschäftigen, scheint vielen Journalisten verborgen geblieben zu sein. Oder, der Verdacht liegt nahe, geht es hier eigentlich um etwas anderes? Im Fall eines besonders klischeelastigen Spiegel-Online-Artikels von Markus Reiter im vergangenen Jahr machte ich mir die Mühe und verfasste einen Leserbrief, in dem ich meinen Ärger über den stereotypen Beitrag kundtat – was jedoch, wenig überraschend, zu keiner befriedigenden Reaktion auf Seiten des Autors führte.

Als Randbemerkung: Sicherlich sind viele der in dem Artikel angesprochenen Aspekte wissenschaftlichen Schreibens diskussionswürdig und im Kern als Vorwurf durchaus richtig, dennoch muss man schon einiges an Mühe aufwenden, um in einem Artikel zu diesem Thema – gerade weil es um einen Vergleich angloamerikanischer und deutscher Traditionen geht – mit keinem einzigen Wort zu erwähnen, dass es nicht nur in den USA, in England, sondern auch mittlerweile in Deutschland (von anderen Ländern einmal ganz zu schweigen) akademische Schreibzentren gibt, die sich intensiv mit Aspekten wie der Lesbarkeit, der Transparenz, der Leser-Basiertheit, dem Stil usw. von Texten beschäftigen.

Trotz der vielfach berechtigten Kritik an wissenschaftlichen Texten kommt bei Artikeln wie dem erwähnten der Verdacht auf, dass hier im Grunde ein Urteil immer wieder kolportiert wird, um Werbung für etwas anderes zu machen. In diesem Fall für einen der so zahlreich auf den Markt geworfenen Schreibratgeber, hier ist es auch noch ‘zufällig’ der des Autors (an dieser Stelle steht deswegen auch kein Link, wer sich für die Fibel interessiert, kann gern den Original-Artikel aufsuchen).

Eine Erkenntnis aus der Berichterstattung zum (wissenschaftlichen) Schreiben im Allgemeinen und zur Langen Nacht im Besonderen besteht für mich darin, die Wahrnehmung des Schreibens im universitären Kontext zu beeinflussen. Selbst und aktiv. Nicht auf Berichte der Presse zu warten, sondern selbst Texte zu verfassen – darum auch dieser Blog, der als kleiner Bestandteil zur Profilbildung akademischer Schreibzentren beitragen kann. Denn nicht nur die Außenwahrnehmung durch eine (wie auch immer verstandene) Öffentlichkeit, auch die Wahrnehmung studentischer Texte und schreibdidaktischer Maßnahmen innerhalb der Hochschulen sollte zum Thema gemacht und offen diskutiert werden, auch über digitale Kanäle. Wenn schon Schreiben im Elfenbeinturm, dann wenigstens in der Web 2.0-Version.

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4 Antworten to “Schreiben in Elfenbeintürmen”

  1. Daniel Spielmann (@spani3l) April 2, 2012 at 11:45 vormittags #

    Lustig, die Geschichte mit dem km… Hatte auch eine Anfrage von denen per Mail bekommen und diese beantwortet; wenn ich dann sehe, was irgendwelche “Journalisten” oder whoever daraus machen, frage ich mich ernsthaft…

    M.E. kann man gut auf blutleeres Getippe anderer verzichten, wenn man sich selbst mit seiner Leidenschaft sichtbar genug positioniert und da ist es nur gut, dass das Schreibzentrum Frankfurt/Main jetzt einen offensiven Kurs verfolgt. Ob sich andere SZs dazu durchringen können, wird man sehen müssen – vielleicht bezahlen andere Standorte ja die ein der andere studentische Hilfskraft dafür, was dann aber wohl auch einer Themaverfehlung gleich käme… Dass deutsche Schreibzentren bisher gerade von Außenstehenden nicht wahr genommen werden, mag u.a. daran liegen – Leidenschaft, zu wenig sichtbar.

    Statt mit desinteressierten Außenstehenden zu kommunizieren, die ohnehin nur einen Zehnzeiler suchen um eine Randnotiz auf die Seite setzen zu können, wäre es m.E. klüger, sich digital und somit öffentlich gut sichtbar mit KollegInnen über Inhaltliches auszutauschen. Kostengünstiger und substanzieller könnte Eigenwerbung wohl kaum sein – nur ist diese Art des Arbeitens derzeit leider für viele alles andere als authentisch, weil sie im Widerspruch zum eigenen Habitus steht, man sich dazu zwingen muss und den Mehrwert nicht sieht.

    War ich bis vor Kurzem sehr frustriert, in einer vermeintlich so trägen und visionsfreien CoP gelandet zu sein, ist mir inzwischen (auch nochmal durch die Ausführungen von Prof. Anneliese Wellensiek bei “Dossenheim zur Kreidezeit” https://plus.google.com/u/0/104228379150375872969/posts/A8X1jigStva ) klar geworden, dass Veränderungen in Lernkulturen einfach nicht von heute auf morgen zu machen sind. Der Apparat ist eben groß und schwerfällig.

    Da finde ich die Perspektiven, die dieser Blogeintrag andeutet, doch äußerst erfrischend und aufbauend, deswegen an dieser Stelle herzlichen Dank. Sie sind letztlich also doch da, die Visionen.

  2. sdreyfuerst April 3, 2012 at 9:51 vormittags #

    In der Tat fände ich es mehr als verfehlt, die Web-Aktivität Hilfskräften zu übertragen, denn die Profilierung und Vernetzung von akademischen Schreibzentren sollte intergraler Bestandteil der Arbeit auf Leitungsebene sein. Aber ich möchte an dieser Stelle nicht noch einmal die bereits mehrfach vorgebrachten Argumente für eine ‘pro-aktive’ Haltung gegenüber den Möglichkeiten des Web 2.0 für die Schreibzentrums-Arbeit wiederholen.

    In letzter Zeit tut sich ja doch zumindest ein wenig, wenn man sich etwa den Blog von unserer Kollegin Katrin Girgensohn (Schreibzentrum Frankfurt/Oder) ansieht, in dem sie ihre Erfahrungen aus dem Schreibzentrum in Madison konserviert und anderen Interessierten zugänglich macht (“Schreiben im Zentrum”). http://schreibzentrum.wordpress.com/category/schreibzentren/schreibzentrum-madison/

    Aber gerade die simple, nützliche und immer wieder auch inspirierende Vernetzung via google+ scheint zumindest bei den deutschen KollegInnen noch in weiter Ferne zu liegen, trotz der auch hier wieder vielfach bestätigten Einfachheit und konkreten Anwendbarkeit auf die eigene Arbeit.

    Umso ergiebiger finde ich deswegen den Aspekt der individuellen Kooperation und eigenständigen Vernetzung, wobei letztere ‘leuchtturmartig’ anderen ein Vorbild sein und dafür sorgen kann, dass solche Prozesse überhaupt erst ins Laufen gebracht werden. Dass diese Entwicklungen offenbar wirklich ‘in der Masse’ sehr viel mehr Zeit brauchen, als man das individuell für begreifbar hält, deckt sich ja mit anderen Erfahrungen aus praktisch allen Bereichen, in denen Menschen neue Techniken oder Praktiken entwickeln, entdecken und/oder in ihr eigenes Handeln integrieren können. Vielleicht ist tatsächlich der Weg der erfolgversprechendste, der die punktuell stattfindende face-to-face Vernetzung auf Tagungen, Arbeitstreffen, OpenSpace-Formaten wie letzthin in Bochum mit anderen Möglichkeiten zum Austauch kombiniert: asynchronen, synchronen, kollaborativen, offenen, punktuell geschlossenen usw.

    Und an den Visionen arbeiten wir selbsverständlich mit Leidenschaft weiter, Stichwort #owi!

    • Katrin Girgensohn April 6, 2012 at 8:24 nachmittags #

      Apropos sichtbar machen: wir haben uns für die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten am Europäischen Wettbewerb EngageU beteiligt. Bis zum 19.4.2012 kann man hier für die Lange Nacht voten: http://engageawards.com/entry/130
      Bitte weitersagen über alle synchronen, asynchronen, analogen und virtuellen Kanäle!

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  1. Semesteranfang positiv – Blogfolio – Folioblog? - April 2, 2012

    [...] analoges Arbeiten nichts weiter ist als eine Produktivitätsbremse? Die digitale Schreibdidaktik bekommt unterdessen auch allmählich ein Profil – das passt für mich ganz gut [...]

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